Jack kappte die Leine nicht.
Noch nicht.
Die schwere Kette raste über die Führungsrolle am Heck, während sich der Bug immer tiefer ins Wasser senkte. Das Monster zog nicht mehr gegen die Falle. Es schwamm mit ihr – und benutzte Jacks eigenes Schiff als Gegengewicht.
„Captain!“, rief Elias. „Noch zwanzig Sekunden, dann verlieren wir das Heck!“
Jack packte die Reling.

„Kette sichern!“
Elias starrte ihn an.
„Sichern?“
„Ich will wissen, wohin es zieht.“
„Nach unten!“
„Das sehe ich.“
Ein weiterer Ruck ging durch das Schiff.
Holz ächzte.
Ein Bolzen sprang aus der Halterung und schoss über das Deck.
Jetzt reagierte Jack.
„Nottrennung vorbereiten!“
Zwei Matrosen rannten zur Sicherung.
Jack hatte die Falle selbst entworfen. Die Hauptkette lief durch einen verstärkten Heckrahmen, bevor sie an einem großen Eisenring befestigt war. Eine zusätzliche Kupplung sollte es ermöglichen, die gesamte Konstruktion im Notfall abzuwerfen.
Zumindest in der Theorie.
Niemand hatte erwartet, dass etwas Starkes genug daran ziehen würde, um ein ganzes Schiff rückwärts durchs Meer zu schleppen.
Elias blickte über das Heck.
„Wir sind schon hundert Meter versetzt worden.“
Jack sah zum Kompass.
Nicht nur versetzt.
Gedreht.
Das Monster zog sie nach Südosten.
Sehr präzise.
„Das ist kein Fluchtversuch“, sagte Jack.
Elias lachte ungläubig.
„Was soll es sonst sein?“
Jack deutete auf die Kette.
„Wenn es fliehen wollte, würde es von uns wegziehen.“
„Das tut es.“
„Nein.“
Jack zeigte auf den Kompass.
„Es ändert seinen Kurs.“
Elias wurde still.
Der ursprüngliche Angriff war westlich des Schiffes erfolgt. Nach dem Treffer der Harpune war die Kreatur zunächst gerade nach unten getaucht.
Dann hatte sie begonnen, seitlich zu schwimmen.
Jetzt hielt sie einen konstanten Kurs.
Südost.
Jack sah auf die Seekarte.
Dort war nichts.
Kein Riff.
Keine Insel.
Kein bekannter Graben.
Nur tiefes Wasser.
„Captain!“
Der Sicherungsrahmen bog sich.
Jetzt blieb keine Zeit mehr.
Jack hob die Hand.
„Trennen!“
Der Matrose schlug den Hebel herunter.
Nichts geschah.
Er versuchte es erneut.
Die Kupplung bewegte sich keinen Zentimeter.
Elias fluchte.
„Verklemmt!“
Die Kette spannte sich noch stärker.
Das Heck sank.
Wasser schwappte über die unterste Kante des Decks.
Jack griff nach einer Axt.
„Alle zurück!“
Er schlug nicht auf die Kette.
Das wäre sinnlos gewesen.
Er traf den hölzernen Sicherungsblock unter der Kupplung.
Einmal.
Zweimal.
Beim dritten Schlag splitterte das Holz.
Die Halterung rutschte.
Der Eisenring sprang frei.
Die Kette schoss über das Heck.
Für einen Augenblick hing ihr Ende noch über der Reling.
Dann verschwand es.
Das Schiff schnellte nach vorn.
Mehrere Männer stürzten.
Jack fiel auf ein Knie.
Das Heck hob sich wieder aus dem Wasser.
Stille.
Nur das Rauschen der See blieb.
Elias setzte sich auf eine Kiste und atmete schwer.
„Bitte sag mir, dass wir nie wieder versuchen, so etwas zu fangen.“
Jack stand auf.
„Wir haben es nicht gefangen.“
Elias zeigte auf die leere Halterung.
„Das ist mir aufgefallen.“
Jack ging zum Heck.
Das Wasser war ruhig.
Zu ruhig.
Keine Kreatur.
Keine Kette.
Keine Spur.
Der Harpunier trat zu ihm.
„Captain, die Harpune war drin.“
„Ich weiß.“
„Tief.“
Jack sah ihn an.
„Und?“
„Wenn sie noch steckt, schleppt das Tier jetzt fast hundert Meter Kette mit sich.“
Jack blickte zurück aufs Meer.
Das gefiel ihm nicht.
Er hatte das Monster gejagt.
Er hatte den Köder ausgelegt.
Er hatte den ersten Angriff provoziert.
Die Kreatur hatte nicht entschieden, eine Kette hinter sich herzuziehen.
Jack hatte sie daran befestigt.
„Motor zurück.“
Elias drehte sich zu ihm.
„Was?“
„Wir folgen.“
„Jack.“
„Mit Abstand.“
„Wir haben gerade beinahe unser Schiff verloren.“
„Und jetzt schwimmt ein verletztes Tier mit unserer Harpune und unserer Kette durch dieses Meer.“
Elias verschränkte die Arme.
„Seit wann fühlst du dich für Monster verantwortlich?“
Jack blickte auf die zerbrochene Falle.
„Seit ich das hier verursacht habe.“
Eine Stunde lang fanden sie nichts.
Dann entdeckte der Ausguck etwas im Wasser.
Keine Kreatur.
Eine Boje.
Jack ließ sie aufnehmen.
Sie gehörte nicht zu ihrer Ausrüstung.
Das Holz war alt, die Farbe fast vollständig verschwunden.
Um den unteren Ring war ein Stück schwarzer Kette gewickelt.
Elias untersuchte es.
„Nicht unsere.“
Jack kniete sich daneben.
Das Metall war dicker als ihre Jagdkette.
Viel älter.
Und ein Glied war aufgebogen.
Nicht durch Rost.
Durch Gewalt.
„Da draußen hat schon jemand versucht, etwas festzuhalten“, sagte Elias.
Jack antwortete nicht.
Sie setzten den Kurs fort.
Südost.
Genau in die Richtung, in die das Monster sie gezogen hatte.
Am Nachmittag fanden sie eine zweite Boje.
Dann eine dritte.
Alle lagen fast auf einer geraden Linie.
An jeder hing ein Rest derselben schwarzen Kette.
Jack ließ die Tiefe messen.
Sehr tief.
Dann weniger tief.
Dann wieder tief.
Elias betrachtete die Werte.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Warum?“
„Der Meeresboden steigt hier an und fällt direkt wieder ab.“
Jack ließ weitere Messungen durchführen.
Nach einer Stunde entstand ein Muster.
Unter ihnen verlief ein langer Rücken.
Nicht breit.
Aber fast gerade.
Wie eine versunkene Mauer.
Jack dachte an die schwarze Kette.
„Ankerpunkte.“
Elias sah ihn an.
„Für was?“
Jack deutete auf die Bojen.
„Vielleicht waren die nie Warnbojen.“
Sie folgten dem Rücken.
Am Abend fanden sie den ersten großen Ring.
Er ragte bei Ebbe knapp aus dem Wasser.
Schwarzes Metall.
Fast zwei Meter breit.
In den Felsen darunter eingelassen.
Ein Stück Kette hing noch daran.
Elias legte eine Hand darauf.
„Wer baut so etwas mitten im Meer?“
Jack sah zur offenen See.
„Jemand, der etwas Größeres festhalten wollte als ein Schiff.“
Kurz darauf erschien eine Bewegung am Horizont.
Die Männer griffen nach Waffen.
Jack hob die Hand.
„Niemand schießt.“
Der Rücken der Kreatur durchbrach das Wasser.
Sie bewegte sich langsam.
Die Kette war noch an ihr.
Jack sah das Metall hinter ihr durch die Wellen ziehen.
Dann verschwand das Tier wieder.
Nicht auf sie zu.
Weiter nach Südosten.
„Sie führt uns“, sagte einer der Matrosen.
Jack schüttelte den Kopf.
„Das wissen wir nicht.“
„Sie hat uns genau hierher gezogen.“
„Das wissen wir.“
Das war ein Unterschied, auf dem Jack bestand.
Absicht war schwerer zu beweisen als Richtung.
Sie folgten weiter.
In der Nacht hörten sie Metall.
Ein tiefes Schleifen unter Wasser.
Dann einen Schlag.
Noch einen.
Jack ließ die Maschinen stoppen.
Das Geräusch kam wieder.
Nicht direkt unter ihnen.
Weiter voraus.
Elias trat neben ihn.
„Unsere Kette.“
„Vielleicht.“
Sie warteten bis zum Morgen.
Als der Nebel dünner wurde, erschien etwas vor ihnen.
Eine kleine Felseninsel.
Auf keiner ihrer Karten verzeichnet.
Sie bestand fast vollständig aus schwarzem Gestein.
Keine Bäume.
Kein Strand.
Nur eine steile Wand.
An ihrer Seite befand sich eine Öffnung knapp über der Wasserlinie.
Und davor lag die Kreatur.
Jack hob das Fernrohr.
Die Harpune steckte noch immer seitlich in ihrem Körper.
Aber etwas war anders.
Die Kette verlief nicht mehr frei hinter ihr.
Sie hatte sich um einen schwarzen Metallpfosten gewickelt, der aus dem Wasser ragte.
Das Tier zog.
Nicht von ihnen weg.
Gegen den Pfosten.
Elias nahm Jack das Fernrohr ab.
„Sie versucht, unsere Kette loszuwerden.“
Jack nickte.
Das erklärte zumindest einen Teil ihres Verhaltens.
Die Kreatur hatte die Kette nicht unbedingt benutzt, um Jack an diesen Ort zu bringen.
Sie hatte möglicherweise einen bekannten Platz aufgesucht, an dem sie Metall abstreifen konnte.
Jack hatte sich von ihr ziehen lassen.
Das war nicht dasselbe wie geführt zu werden.
„Boot vorbereiten.“
Elias sah ihn scharf an.
„Nein.“
„Wir haben ihr die Harpune verpasst.“
„Und sie hat fast unser Schiff versenkt.“
„Nachdem wir sie gefangen haben.“
„Das macht ihre Zähne nicht kleiner.“
Jack betrachtete das Tier.
Es schlug erneut gegen den Pfosten.
Die Kette spannte sich.
Die Harpune bewegte sich in der Wunde.
Die Kreatur zuckte.
„Wenn wir nichts tun, reißt sie sich damit noch weiter auf.“
Elias schwieg.
Dann sagte er:
„Ich hasse deine guten Argumente.“
Sie näherten sich nicht sofort.
Jack ließ das Verhalten der Kreatur beobachten.
Fast eine Stunde lang versuchte sie nur, die Kette abzustreifen.
Sie griff das Schiff nicht an.
Sie schwamm nicht auf das Beiboot zu, als es in sicherer Entfernung zu Wasser gelassen wurde.
Erst dann fuhr Jack näher.
Vier Männer begleiteten ihn.
Keine geladenen Harpunen.
Nur Messer, Haken und eine schwere Zange.
Als das Boot die Felsen erreichte, hob die Kreatur den Kopf.
Jack sah zum ersten Mal deutlich ihre Augen.
Nicht menschlich.
Nicht freundlich.
Aber aufmerksam.
Sie hätte das Boot mit einer einzigen Bewegung zerstören können.
Sie tat es nicht.
Jack zeigte auf die Kette.
Dann auf seine Zange.
„Wir holen sie ab.“
Elias murmelte:
„Ich bin sicher, sie versteht jedes Wort.“
„Ich rede nicht für sie.“
„Für wen dann?“
„Für mich.“
Sie näherten sich.
Jack wartete auf einen Angriff.
Keiner kam.
Die Kette war zwischen zwei Felsvorsprüngen eingeklemmt.
Jack erkannte sofort, was geschehen war.
Die Kreatur hatte sie absichtlich durch die schmale Lücke gezogen.
Der Widerstand sollte die Harpune herausreißen.
Aber die Kette hatte sich stattdessen verkeilt.
Jack untersuchte die Verbindung.
„Wir müssen sie hier trennen.“
Die Männer arbeiteten.
Bei jedem Schlag gegen das Metall zuckte die Kreatur.
Doch sie blieb.
Nach mehreren Minuten brach das beschädigte Glied.
Ein großer Teil der Kette fiel ins Wasser.
Die Kreatur bewegte sich sofort.
Elias hob die Hände.
„Ruhig.“
Jack blieb stehen.
Das Tier drehte sich.
Die Harpune steckte noch immer fest.
Die kurze Restkette hing daran.
„Noch nicht fertig“, sagte Jack.
Er konnte die Harpune nicht einfach herausziehen.
Die Widerhaken würden die Verletzung vergrößern.
Also mussten sie den Schaft so nah wie möglich am Eintrittspunkt abtrennen.
Jack näherte sich.
Ein Auge der Kreatur blieb auf ihm.
Er arbeitete langsam.
Keine plötzlichen Bewegungen.
Die Zange biss in den Metallschaft.
Einmal.
Zweimal.
Beim dritten Versuch brach er.
Der größte Teil der Harpune fiel weg.
Nur der kurze Kopf blieb zurück.
Jack konnte ihn nicht sicher entfernen.
„Mehr können wir nicht tun.“
Die Kreatur sank tiefer.
Dann schwamm sie davon.
Keine Dankbarkeit.
Kein magischer Moment.
Keine plötzliche Freundschaft.
Nur ein verletztes Tier, das endlich nicht mehr hundert Meter Eisen hinter sich herzog.
Jack sah ihm nach.
Elias atmete aus.
„Damit ist die Jagd beendet.“
Jack nickte.
„Ja.“
Dann bemerkte er die Öffnung im Felsen.
Dahinter lag etwas.
Holz.
Jack fuhr mit dem Boot näher.
In einer schmalen Bucht hinter der Felswand lagen die Reste eines Schiffes.
Sehr alt.
Der Mast war gebrochen.
Der Rumpf teilweise zerfallen.
Schwarze Ketten liefen von seinem Deck ins Wasser.
Elias sah zu den Metallpfosten.
„Das war deren Ausrüstung.“
Jack stieg an Land.
Sie fanden keine Menschen.
Nur Knochen, Werkzeuge und verrottete Kisten.
Im hinteren Teil des Wracks lag ein wassergeschütztes Metallrohr.
Darin befanden sich mehrere Seiten eines Logbuchs.
Der Name des Schiffes war noch lesbar.
Meridian.
Jack kannte ihn.
Die Meridian war vor mehr als vierzig Jahren verschwunden.
Ihr Kapitän hieß Elias Vane.
Die ersten Seiten waren kaum zu entziffern.
Die späteren waren klarer.
Vane hatte ebenfalls eine große Meereskreatur gejagt.
Seine Mannschaft hatte sie für den Grund gehalten, warum mehrere Schiffe in der Region verschwanden.
Sie bauten Ketten.
Harpunen.
Ankerpunkte.
Genau wie Jack.
Sie fingen die Kreatur.
Und genau wie bei Jack tauchte sie ab und zog das Schiff.
Vane schrieb:
WIR DACHTEN, SIE ZOG UNS IN DEN TOD.
Am nächsten Tag:
SIE ZIEHT IMMER NACH SÜDOSTEN.
Und später:
NICHT ZUM NEST. NICHT ZUR NAHRUNG. ZU DEN SCHWARZEN FELSEN.
Jack las weiter.
Vane hatte die Kreatur verfolgt.
Hinter den schwarzen Felsen entdeckte er eine tiefe Meeresrinne.
Seine Männer wollten wissen, was dort lag.
Sie senkten Gewichte hinab.
Dann Lampen.
Dann eine kleine Tauchglocke.
Die Glocke kam beschädigt zurück.
Nicht von der Kreatur.
Etwas hatte sie von unten getroffen.
Vane schrieb nur:
DAS TIER IST NICHT DER GRUND, WARUM SCHIFFE VERSCHWINDEN.
Elias las über Jacks Schulter.
„Was dann?“
Jack blätterte um.
Die nächste Seite war teilweise zerstört.
Nur einzelne Sätze blieben.
…HÄLT SIE VON DER RINNE FERN…
…DREI NÄCHTE LANG…
…WENN ETWAS AUFSTEIGT, GREIFT SIE AN…
Dann ein vollständiger Satz:
WIR HABEN DEN WÄCHTER ANGEKETTET UND DAMIT DEN WEG FREIGEMACHT.
Jack legte das Logbuch auf einen Stein.
Elias sah zur Bucht.
„Das gefällt mir überhaupt nicht.“
„Mir auch nicht.“
Sie fanden später weitere Hinweise.
Die schwarzen Pfosten waren nicht gebaut worden, um das Monster dauerhaft festzuhalten.
Vanes Mannschaft hatte sie errichtet.
Ihre eigenen Jagdvorrichtungen.
Ein Teil der Ketten war nach dem Verlust der Meridian zurückgeblieben.
Jack hatte fast denselben Fehler wiederholt.
Er hatte ein großes Tier gesehen.
Er hatte es als Bedrohung eingestuft.
Und statt sein Verhalten zu verstehen, hatte er beschlossen, es zu fangen.
„Was ist mit der Rinne?“, fragte Elias.
Jack blickte nach Südosten.
„Wir fahren nicht hin.“
„Keine Neugier?“
„Sehr viel.“
„Das klingt gefährlich.“
Jack nahm das Logbuch.
„Deshalb bleiben wir hier.“
In der folgenden Nacht verstand die Mannschaft, warum.
Kurz nach Mitternacht erschien die Kreatur wieder.
Sie schwamm nicht zum Schiff.
Sie bewegte sich an der Außenseite der Felsen entlang.
Dann blieb sie stehen.
Das Meer jenseits der Insel wurde ungewöhnlich glatt.
Ein dunkler Fleck erschien unter der Oberfläche.
Er wuchs.
Jack befahl allen Männern zurück an Bord.
„Was ist das?“, fragte Elias.
„Keine Ahnung.“
Der Fleck kam näher.
Die Seeschlange tauchte.
Sekunden später explodierte das Wasser.
Zwei gewaltige Körper bewegten sich unter der Oberfläche.
Jack sah nur Teile.
Die vertrauten dunklen Schuppen der Schlange.
Dann etwas Blasseres.
Breiteres.
Eine Form, die kurz aus dem Wasser brach und sofort wieder verschwand.
Die Schlange biss zu.
Der andere Körper drehte sich.
Eine Welle schlug gegen die Felsen.
Der Kampf dauerte weniger als eine Minute.
Dann zog sich der blasse Schatten zurück.
Nach Südosten.
Die Schlange folgte ihm einige hundert Meter.
Dann kehrte sie um.
Nicht zum Schiff.
Zur Grenze vor den schwarzen Felsen.
Dort blieb sie.
Elias sah Jack an.
„Vane hatte recht.“
Jack schüttelte den Kopf.
„Vane hat etwas beobachtet. Mehr wissen wir nicht.“
„Du hast es selbst gesehen.“
„Ich habe gesehen, dass sie etwas zurückgedrängt hat.“
Jack blickte in die Dunkelheit.
„Ich weiß nicht, was es war.“
Am Morgen verließen sie die Insel.
Jack nahm nur das Logbuch mit.
Keine Kette.
Keine Trophäe.
Keinen Zahn.
Keine Schuppe.
Die Falle wurde vollständig zerlegt.
Die Harpunen für große Meereskreaturen verschwanden aus seiner persönlichen Waffenkammer.
Elias bemerkte es.
„Nie wieder Monsterjagd?“
Jack betrachtete die See.
„Nie wieder, bevor wir wissen, was wir eigentlich jagen.“
Monate später verglich Jack Vane’s Aufzeichnungen mit alten Berichten aus der Region.
Er fand keine Beweise für eine ganze Armee von Kreaturen.
Keine sichere Erklärung für die tiefe Rinne.
Keine Gewissheit darüber, was die Meridian letztlich zerstört hatte.
Aber ein Muster war deutlich.
Mehrere Schiffe hatten von großen Tieren berichtet, die sie nach Westen oder Norden drängten.
Schiffe, die ihre Richtung änderten, konnten weiterfahren.
Schiffe, die nach Südosten vorstießen, berichteten häufiger von heftigen Bewegungen im Wasser.
Jack markierte die Region auf seiner Karte.
Nicht mit einem Monster.
Mit einer Linie.
Östlich davon schrieb er:
NICHT VERFOLGEN.
Jahre später fragte ein junger Seemann Jack nach der Geschichte.
„Stimmt es, dass du einmal ein Seeungeheuer gefangen hast?“
Jack sah von seinem Kompass auf.
„Kurz.“
„Und dann hat es dein ganzes Schiff gezogen?“
„Ja.“
Der junge Mann grinste.
„Wie hast du es besiegt?“
Jack schloss den Kompass.
„Gar nicht.“
Das Lächeln des Matrosen verschwand.
„Aber du bist doch hier.“
„Weil ich die Kette gekappt habe.“
„Also hast du aufgegeben?“
Jack sah hinaus auf das Meer.
Er erinnerte sich an den gespannten Stahl.
An das sinkende Heck.
An die schwarze Insel.
An Vanes Logbuch.
Und an den zweiten Schatten, der aus der Tiefe aufgestiegen war, nachdem die Schlange verletzt worden war.
„Nein“, sagte Jack.
„Ich habe nur aufgehört, gegen das falsche Monster zu kämpfen.“
Der junge Seemann schwieg.
Jack nahm die alte Karte hervor.
Die schwarze Linie war noch immer darauf eingezeichnet.
Südöstlich davon lag ein Bereich ohne Namen.
Kein Schatzsymbol.
Keine Route.
Keine Beschreibung dessen, was in der Rinne lebte.
Jack hatte nie versucht, diese Lücke zu füllen.
Manche unbekannten Orte mussten nicht sofort erforscht werden.
Und manche Kreaturen mussten nicht gefangen werden, nur weil sie groß genug waren, Angst zu machen.
Die Kette, mit der Jack das Monster hatte beherrschen wollen, hatte ihm beinahe das Schiff genommen.
Doch sie hatte ihm auch etwas gezeigt.
Nicht, wohin die Kreatur fliehen wollte.
Sondern wohin sie immer wieder zurückkehrte.
An eine Grenze im Meer.
Dorthin, wo etwas anderes aus der Tiefe aufsteigen konnte.
Und wo das Monster, das Jack unbedingt hatte jagen wollen, offenbar seit langer Zeit dafür sorgte, dass es nicht weit kam.